Kreuzberg ist das Berlin, das auf Postkarten landet — für Leute, die sich für zu cool für Postkarten halten. Es ist rau, laut, politisch und tatsächlich eine der interessantesten Quadratmeilen Europas. Zuletzt ist sein Ruf allerdings zum Klischee erstarrt, also lassen Sie mich erzählen, was hier wirklich ist und wie es dazu kam.
Zuerst: der Name
Der Bezirk verdankt seinen Namen einem kleinen Hügel im Viktoriapark — mit 66 Metern eine der höchsten natürlichen Erhebungen der Innenstadt. Oben steht ein Denkmal, 1821 von Karl Friedrich Schinkel entworfen, zur Erinnerung an die Kriege gegen Napoleon, gekrönt von einem eisernen Kreuz — dem Kreuz, das dem Kiez seinen Namen gibt. Gehen Sie an einem klaren Abend hinauf: einer der schönsten kostenlosen Ausblicke Berlins, mit einem echten Weinberg am Hang darunter.
Wie Kreuzberg zu „Kreuzberg" wurde
Lange war dies ein dichtes, armes Arbeiterviertel. Dann wurde 1961 die Berliner Mauer gebaut und legte sich um drei Seiten des Bezirks — Kreuzberg wurde zur ummauerten Sackgasse am äußersten Rand West-Berlins. Die Mieten brachen ein, die Behörden verloren das Interesse, und in dieses Vakuum kamen zwei Gruppen, die den Kiez prägten: türkische „Gastarbeiter", ab 1961 angeworben, um die westdeutsche Wirtschaft mit aufzubauen, und eine Welle von Studenten, Künstlern, Wehrdienstverweigerern und Punks, angezogen von billigen Wohnungen und der Freiheit einer vergessenen Ecke.
Gescheiterte Stadtplanung der 1970er — die Stadt wollte ganze Blocks abreißen — entzündete Anfang der 1980er eine heftige Hausbesetzer-Bewegung. Leerstehende Gebäude wurden besetzt und zu Wohnungen, Cafés und Kunsträumen. Das alte Krankenhaus Bethanien wurde so gerettet. Die Protesttradition dieser Jahre bricht bis heute jeden 1. Mai hervor, wenn Kreuzberg seine lärmende, manchmal zerrissene Demonstration und sein Straßenfest abhält.
Wohin man wirklich gehen sollte
- Kottbusser Tor („Kotti") — das chaotische, unschöne Herz des Bezirks. Nicht jedermanns Sache, aber echt.
- Oranienstraße — die Hauptader für Bars, Döner, Plattenläden und lange Nächte. Das ist SO36, benannt nach der alten Postleitzahl.
- Maybachufer — der türkische Markt am Kanal, dienstags und freitags, voller Obst, Stoffe, Oliven und warmem Brot. Mein liebstes Alltagsvergnügen der Stadt.
- Bergmannkiez — die sanftere Seite Kreuzbergs, mit der überdachten Marheineke-Markthalle und ruhigen Café-Straßen.
- Görlitzer Park — auf einem früheren Bahngelände. Grün, gelebt und ehrlich über die raueren Kanten der Stadt.
- Oberbaumbrücke — die schöne Backsteinbrücke über die Spree, einst Grenzübergang, heute Verbindung nach Friedrichshain.
Ein paar ehrliche Tipps
Kreuzberg ist sicher, aber unpoliert — das hier ist keine herausgeputzte Altstadt, und genau das ist der Punkt. Kommen Sie hungrig: Das Essen, besonders die türkische und nahöstliche Küche, ist eines der besten Preis-Leistungs-Verhältnisse Berlins. Abends für die Atmosphäre, morgens für die Märkte. Und behandeln Sie den Kiez als einen Ort, an dem Menschen leben, nicht als Kulisse — die Spannung zwischen Alltag und wachsendem Ruhm gehört zu dem, was ihn verstehenswert macht.
Wenn Sie die ganze Geschichte wollen — die Migration, die besetzten Häuser, die Street Art und die Politik, die diese Straßen bis heute prägt — dafür ist meine Kreuzberg-Tour da. Wir starten am Kottbusser Tor und schlängeln uns durch die Ecken, die kein Reisebus erreicht. Denn diesen Teil Berlins begreift man nur zu Fuß, mit jemandem, der ihn sich hat verändern sehen.
Passende Tour
Kreuzberg
Gegenkultur, Migration und alternatives Berlin.


